CO2 Kompensation über den europäischen Emissionshandel — warum und wie funktioniert dies?

CO2 Kompensation

20.02.22 – Viele Unternehmen kompensieren CO2 Emissionen über Projekte im globalen Süden. Doch es gibt einen Weg, wie Unternehmen über die CO2-Kompensation direkt hier in Europa eine Minderung der Treibhausgasemissionen bewirken und eine klimafreundliche Wirtschaft in Europa vorantreiben.

Ein klimaneutrales Unternehmen kompensiert CO2 meist über Projekte in Entwicklungsländern. Es unterstützt zum Beispiel die Finanzierung neuer Windkraftanlagen im globalen Süden und rechnet sich die dadurch erfolgte CO2-Minderung in der eigenen Bilanz an. Doch diese Maßnahme hat Verbesserungspotenzial. Zum einen wirkt die Kompensationsmaßnahme meist nicht dort, wo das Unternehmen vornehmlich agiert, zum anderen muss ein Verfahren der Anrechnung unter der Vereinbarung von Paris noch umgesetzt werden. Die Kompensationsprojekte in Entwicklungsländern sind zur Zeit des Kyoto-Protokolls entstanden. Damals hatten diese Länder noch keine Klimaziele, doch unter der Vereinbarung von Paris haben auch diese Länder Klimaziele. Bei der 26. Klimakonferenz im November gab es endlich eine Einigung, wie vergangene (unter dem Kyoto-Protokoll Certified Emission Reductions (CERs) genannt) und zukünftige Emissionsreduktionen international angerechnet und gehandelt werden können. Die praktische Umsetzung des Handels und der Anrechnung der zukünftigen internationalen Einheit internationally transferred mitigation outcomes (ITMOs) ist noch unklar. Und eigentlich hätten alle alten CERs gelöscht werden sollen, um die Pariser Klimaziele nicht zu verwässern. Doch laut dem aktuellen Beschluss dürfen alte CERs in ITMOs umgewandelt werden. Leider — denn am Ende zählt nicht die Bilanz auf dem Papier, sondern wie viele Treibhausgase tatsächlich in der Atmosphäre sind.

CO2 Kompensation, die eine Treibhausgasminderung in Europa bewirkt

Was können Unternehmen tun, die durch die Kompensation direkt in Europa eine Treibhausgasminderung bewirken möchten? Warum können sie zur CO2-Reduktion nicht genauso wie in Entwicklungsländern zum Beispiel die Finanzierung neuer Windkraftanlagen unterstützen? In der EU gibt es ein Cap and Trade System, den Emissionshandel. Dieser begrenzt die Treibhausgasemissionen aus dem Energie- und Industriesektor sowie dem europäischen Flugverkehr und bald weiteren Sektoren. Um in der EU die Emissionen in einem dieser Sektoren zu senken, muss mit dem EU-Emissionshandel gearbeitet werden. Dies lässt sich am Beispiel der Windkraftanlagen veranschaulichen. Die EU hat für die vierte Handelsperiode (2021-2030) den Gesamtausstoß auf 15,5 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e) beschränkt. In den Sektoren, die unter den Emissionshandel fallen, können maximal 15,5 Milliarden Tonnen CO2e ausgestoßen werden, da die EU nur 15,5 Milliarden Emissionsrechte (EUA) ausgibt (wahrscheinlich wird diese Menge im Rahmen von Fit-For-55 noch gesenkt). Um eine Tonne CO2e ausstoßen zu dürfen, muss ein Emissionsrecht gekauft werden. Die Emissionsrechte werden wöchentlich im Auftrag der Regierungen versteigert und können danach frei gehandelt werden. Was passiert nun, wenn in Europa zur CO2-Kompensation die Finanzierung neuer Windkraftanlagen unterstützt wird? Der CO2-Ausstoß im Energiesektor wird sinken. Doch das CAP im Emissionshandel sinkt nicht. Die Emissionsrechte, die nun nicht mehr vom Energiesektor verwendet werden, können von anderen Sektoren genutzt werden. Das Ziel, über die Kompensation eine Reduktion der europäischen Treibhausgasemissionen zu erreichen, funktioniert nicht über die Finanzierung neuer Windkraftanlagen. Natürlich muss der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter erfolgen. Für das Ziel, die Treibhausgasemissionen der EU zu senken, sollte der Emissionshandel genutzt werden. Glücklicherweise hat die EU bei der Implementierung des Emissionshandels bereits eingebaut, dass dieser für den Klimaschutz genutzt werden kann. Es ist möglich, EU-Emissionsrechte zu kaufen und ungenutzt zu löschen, also direkt das CAP zu senken. Die Tonne CO2e, die eigentlich mit dem Emissionsrecht ausgestoßen werden dürfte, darf nun nicht mehr ausgestoßen werden. Wo genau im Wirtschaftssystem die Emissionen gesenkt werden, entscheidet der Markt.

Dreifach effektive CO2 Kompensation

Wird ein Emissionsrecht für die Kompensation des CO2-Ausstoß weggekauft, hat dies einen dreifachen Effekt:

1. Der Treibhausgasausstoß in der EU wird für jedes Emissionsrecht um eine Tonne CO2e gesenkt.

2. Durch die Verknappung erhöht sich der Preis der Emissionsrechte. So werden klimafreundliche Technologien profitabler als klimaschädliche.

3. Die Emissionsrechte werden vom Staat versteigert. Das Geld, das zum Beispiel Deutschland dadurch einnimmt, fließt in einen Energie – und Klimafond. Über diesen wird Forschung und Klimaschutz in Sektoren, die noch nicht unter den Emissionshandel fallen, gefördert, unter anderem Gebäudesanierung und Elektromobilität.

Ein weiterer großer Vorteil der Kompensation über den EU-Emissionshandel ist die Nutzung eines sehr sicheren, bereits bestehenden Systems. Bei Projekten im globalen Süden fließt viel Geld in die Zertifizierung. Außerdem sind regelmäßige Reisen in das Entwicklungsland nötig, um zu prüfen, ob und wie stark die Windkraftanlagen genutzt werden, was wiederum Emissionen erzeugt. Bei der Kompensation über den EU-Emissionshandel sind die Prüfmechanismen bereits im System enthalten. Und wird ein gemeinnütziger Anbieter für die Kompensation gewählt, lässt sich diese sogar als Spende von der Steuer absetzen.

Strategisches Vorgehen unter Berücksichtigung der Marktstabilitätsreserve

Wird über den EU-Emissionshandel kompensiert, sollte die neu eingeführte Marktstabilitätsreserve beachtet werden. Diese wurde zur Stabilisierung des Emissionshandels eingeführt. Die EU erfasst, wie viele Emissionsrechte im Markt sind und wie viele für tatsächliche CO2-Emissionen eingereicht bzw. einfach gelöscht wurden. Anhand der Anzahl der verfügbaren Emissionsrechte berechnet die EU, wie viele Emissionsrechte versteigert und wie viele in die Marktstabilitätsreserve überführt werden. Überschüssige Mengen aus der Marktstabilitätsreserve werden ab 2023 gelöscht. Würde ein Kompensationsanbieter die Emissionsrechte nun direkt löschen, würde unter Umständen die EU weniger löschen. Die effektivste CO2 Minderung erzielt ein Kompensationsanbieter, wenn er die Emissionsrechte nicht direkt löscht, sondern erst mal auf dem Emissionsrechte-Konto hält. Denn diese Menge wird von der EU als frei verfügbare Menge gezählt und erhöht somit die Menge der überschüssigen Emissionsrechte. Dies führt dazu, dass die EU sogar mehr löscht. Darum ist die effektivste Strategie zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen in der EU, Emissionsrechte aus dem Markt zu nehmen, diese jedoch nicht direkt zu löschen, sondern zu halten und erst zu einem späteren Zeitpunkt zu löschen (siehe auch in diesem Paper beschrieben: https://www.nature.com/articles/s41558-019-0482-0).

Der europäische Emissionshandel bietet ein wirksames Instrument, das Unternehmen für die CO2-Kompensation nutzen können. Hierüber können Unternehmen den CO2-Ausstoß der EU reduzieren und direkt Klimaschutz in der Wirtschaft vorantreiben, in der sie selbst agieren.


Autorin: Ruth von Heusinger, Diplom Physikerin, arbeitete erst im Bereich erneuerbare Energien und Emissionshandel bei Statkraft und dann im Markt der freiwilligen CO2-Kompensation bei atmosfair. Was fehlte, war die Möglichkeit, mit Klimaschutzmaßnahmen in Europa zu kompensieren. Darum gründete sie die gemeinnützige GmbH ForTomorrow im Dezember 2019, um die Kompensation über den EU-Emissionshandel zu ermöglichen.

Foto: © Pixabay / catazul

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