Der Climate Tech Markt — eine Übersicht

Der Markt der Klimatechnologien

28.01.22 – Climate Tech ist einer der am stärksten wachsenden Märkte der letzten Jahre. Der politische Druck und das gesellschaftliche Bewusstsein, bezogen auf die steigenden Gefahren des Klimawandels, sind dabei die treibenden Faktoren für Unternehmen, um auf neue Klimatechnologien zur Dekarbonisierung zu setzen.

Der Begriff „Climate Tech“ wird noch nicht sehr lange im deutschen Sprachraum verwendet. Vor etwa 15 Jahren kam zunächst der Begriff „Clean Tech“ auf für „saubere Technologien“, die heute zum Teil auch Climate Tech zugerechnet werden (z.B. CIGS-Solarzellen, Solarthermie oder zellulosehaltige Biokraftstoffe). Zwischen 2006 und 2014 trat dann ein großes Sterben dieser Clean Tech Start-ups ein. Aus verschiedensten Gründen glaubten Investor:innen nicht mehr an diese Technologien. In der Folge gingen viele Clean Tech Unternehmen insolvent und große Kapitalmengen wurden vernichtet.

Um neue Investoren zu gewinnen, und weil das Thema Klimawandel politisch und gesellschaftlich aktueller und wichtiger als je zu vor ist, wird heutzutage der Begriff „Climate Tech“ verwendet. Climate Tech ist dabei aber ein viel weiteres Feld, denn darunter fallen alle Technologien, die sich explizit auf die Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen beziehen. In Abgrenzung zu dem benachbarten Bereich „Green Tech“ stehen bei Climate Tech keine Technologien für Umwelt und Nachhaltigkeit im Fokus, sondern ausschließlich Produkte und Dienstleistungen, die sich positiv auf eine Verbesserung der THG-Emissionen auswirken und Lösungen für eine klimaneutrale Welt beisteuern.

Climate Tech Bereiche

Climate Tech Lösungen können dabei aus den unterschiedlichsten Sektoren kommen, am häufigsten aus den Bereichen, in denen auch die meisten schädlichen Treibhausgase emittiert werden. Dies sind im Kern die fünf Bereiche Energiewirtschaft, industrielle Fertigung, Verkehr & Transport, Bau & Gebäude, sowie der Nahrungsmittel- und Agrarsektor. In allen diesen Bereichen entstanden in den letzten Jahren sehr unterschiedliche Climate Tech Firmen.

Dazu zählen etwa Anbieter erneuerbarer Energien, die Strom aus fliegenden Windturbinen oder mit Kleinwindkraftanlagen erzeugen, oder Entwickler von Smart-Grid-Systemen, die den immer häufiger dezentral erzeugten grünen Strom mit Künstlicher Intelligenz verteilen helfen. In der Industrie findet man Produzenten CO2-neutraler Baumaterialien oder Technologien zur Nutzung von Abwärme. Ebenso fallen alle Hersteller rein elektrischer Flug- und Fahrzeuge unter den Climate Tech Begriff. Und im Bereich Food- und Agrar gibt es Entwickler von neuartigen Fleischersatz-Produkten oder Hersteller von speziellen Futterzusätzen für Rinder, um deren Methanemissionen zu senken.

Ein weiterer Climate Tech Bereich betrifft die CO2-Kompensation. Diese wird sowohl von Unternehmen als auch von Verbraucher:innen genutzt, um z.B. Emissionen für Flüge, Autoreisen oder den Druck von Büchern klimaneutral auszugleichen. Dies geschieht z.B. durch das Pflanzen von Bäumen oder durch die Verringerung von Emissionen bei Dritten.

Auch der Bereich Geoengineering spielt bei Climate Tech eine zunehmende Rolle. Dabei stehen hauptsächlich zwei Aspekte im Fokus: einerseits die Reduzierung der Sonnenstrahlung, etwa durch Weißen von Dächern, Aufstellung von Reflektoren oder Einbringung metallischer Partikel in die Stratosphäre, und andererseits die Bindung von THG-Emissionen, etwa durch Filterung von CO2 aus der Luft und Speicherung im Boden (Direct-Air-Capture) oder Düngung der Ozeane.

Bei weiterem Fortschreiten des Klimawandels werden auch Technologien gegen die direkten Folgen, wie z.B. Dürren oder Überflutungen, für Climate Tech Start-ups immer relevanter.

Größe des Climate Tech Marktes

Laut einer Studie des Beratungsunternehmens PwC wurde in den Jahren 2013 bis 2019 weltweit über 60 Milliarden US-Dollar an Venture Capital in Climate Tech Firmen investiert, mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 84 Prozent. Im Jahr 2019 wurden weltweit 16 Milliarden US-Dollar Venture Capital in 590 Climate Tech Deals investiert. Der Climate Tech Bereich „Verkehr & Transport“ war dabei mit 63 Prozent der am meisten geförderte. Die jährliche Wachstumsrate belief sich dort auf 151 Prozent.

Im Jahr 2020 steigerten sich die jährlichen Investitionen in Klimatechnologien auf 17 Milliarden US-Dollar (Quelle: BloombergNEF), bevor sie sich in diesem Jahr, bemessen nur bis Ende Oktober, nochmals immens erhöhten, auf 32 Milliarden US-Dollar (Quelle: Dealroom). Gegenüber dem Jahr 2016 ist dies bereits eine Vervierfachung des weltweiten Climate Tech VC Kapitals.

Aktuell gibt es bereits über 40 Unicorns, darunter Tesla, Solarcity, Zymergen, Lanzatech oder Beyond Meat. 30 davon befinden sich im Bereich „Verkehr und Transport“. Die weltweit größten Standorte für Climate Tech Venture Capital Gesellschaften sind San Francisco, Shanghai und Peking.

Ein Blick auf Europa

Nach einer aktuellen Erhebung der VC-Investmentfirmen Speedinvest und Creandum führt Deutschland die Rangliste der meisten Climate Tech Start-ups in Europa an. Von den mehr als 1.100 untersuchten europäischen Climate Tech Start-ups kommen 24 Prozent aus Deutschland, gefolgt vom Vereinigten Königreich mit 15 Prozent und Frankreich mit 9 Prozent. Die meisten VC-Investitionen flossen im Erhebungszeitraum von 2006 bis 2021 allerdings nach Schweden.

Zukunftsaussichten für Deutschland

Nach der Studie KLIMAPFADE 2.0 der Boston Consulting Group für den BDI vom Oktober 2021 steht Deutschland vor der größten Transformation seiner Nachkriegsgeschichte. Die Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen erfordern bis 2030 Mehrinvestitionen in Höhe von rund 860 Mrd. Euro, etwa 100 Mrd. Euro pro Jahr. Das entspricht jährlich knapp 2,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung äußerte sich dazu wie folgt: „Klimawandel kostet, Klimaschutz spart. Jeder in den Klimaschutz gesteckte Euro spare 15 Euro Klimaschäden ein. Es beginnt ein Jahrzehnt der Modernisierung und Investitionen mit enormen wirtschaftlichen Chancen.“ Und auch Bill Gates und Blackrock-CEO Larry Fink sehen im Climate Tech Markt ein riesengroßes Potential.

Es ist stark davon auszugehen, dass sich der politische und gesellschaftliche Druck auf Staaten und Unternehmen, die angestrebten Klimaziele zu verfolgen, in Zukunft noch weiter erhöhen wird. Dies wird vor allem dann geschehen, um so deutlicher die Folgen des Klimawandels sichtbar werden. Die dem Klimawandel zugerechnete Flut im Sommer 2021 in Deutschland mit über 130 Toten und Kosten von mehr als 30 Milliarden Euro haben der Politik und Gesellschaft das erste mal in Deutschland verdeutlicht, was auf uns alle zukommen wird.

Viele Unternehmen sind dabei schon deutlich weiter als die politischen Vorgaben. Fast jedes zweite Unternehmen in Deutschland möchte innerhalb der nächsten fünf Jahre klimaneutral werden und Initiativen wie die Stiftung 2 Grad oder Leaders For Climate Action, in denen sich viele Unternehmen zusammen gefunden haben, beweisen diesen dringend notwendigen Willen zum Wandel.

Die von der EU angepeilten Klimaziele sind dabei größtenteils nur durch neue Technologien zu erreichen. Sollten sich die Einschätzungen und Prognosen von Experten zum Climate Tech Markt auch nur annähernd bestätigen, wird Climate Tech der lukrativste und zugleich hoffnungsvollste Markt der nächsten Jahrzehnte.


Autor: Patrick Prior ist Verleger, Jurist und Speaker. Neben dem Bereich „Legal Tech“ beschäftigt er sich seit einigen Jahren mit dem Markt der Technologien gegen den Klimawandel. Seit 2020 bietet er über seinen Verlag auf climate-tech.de eine Marktübersicht und seit 2021 das erste Climate Tech Magazin für die DACH Region an.

Foto: © Bigstock / ismagilov

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