Die EU-Taxonomie revolutioniert Wirtschaft und Klima — Was bedeutet das für Unternehmen?

EU-Taxonomie

18.08.22 – Klimafreundliche Geschäftsmodelle und Investments stehen heute ganz oben auf der Agenda von Politik und Wirtschaft. Denn im kommenden Jahrzehnt wartet die große Herausforderung auf uns, die Wirtschaft grundlegend umzustrukturieren und langfristig regenerativ zu gestalten.

Um EU-weit bis spätestens 2050 eine klimakompatible Wirtschaft zu erreichen, müssen wir ab sofort tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen in verschiedenen Sektoren, wie Industrie, Transport, Energie und Mobilität anstreben. Zum Erreichen der EU-Klimaziele werden rund 230 Milliarden Euro Investitionen in Klimalösungen und nachhaltige Produkte und Dienstleistungen benötigt.

Wir können feststellen: Der Trend in Richtung nachhaltige Investitionen steigt und die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden auch für Unternehmen branchenübergreifend wichtiger. Das Ziel ist es nun, Unternehmen für klimaneutrales Wirtschaften zu mobilisieren. Und die EU-Taxonomie bietet das nötige Rahmenwerk dafür.

Die EU-Taxonomie als Standard für klimakompatibles Wirtschaften

Bis vor kurzem noch fehlten genaue Rahmenbedingungen für nachhaltige Produkte und Investitionen. Die Frage, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit Wirtschaftstätigkeiten als nachhaltig gelten, blieb lange nur vage geklärt.

Mitte diesen Jahres hat die EU-Kommission mit der EU-Taxonomie nun aber eine passende Verordnung beschlossen, welche Anfang 2022 in Kraft treten wird. Als wissenschaftlich fundiertes Instrument bietet das neue Klassifikationssystem erstmals einheitliche Kriterien zur Bestimmung von ökologisch nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten und konkrete Referenzwerte für CO2-arme Investitionen. Die Nachhaltigkeit von wirtschaftlichen Tätigkeiten wird durch die EU-Taxonomie erstmals messbar.

Somit stellt die EU-Taxonomie nicht nur eine Orientierungshilfe für klimakompatibles Handeln für Unternehmen dar, sondern ermöglicht es auch Akteur:innen des Finanzmarkts, grüne Investments zu erkennen. Nicht nur Greenwashing lässt sich so vermeiden, die transparente Offenlegung von Unternehmen über deren Klimaauswirkungen stärkt zudem das Vertrauen und Interesse der Anleger:innen an nachhaltigen Unternehmen.

Was umfasst die EU-Taxonomie?

Die EU-Taxonomie übersetzt die sechs Klima- und Umweltziele der EU in einen ausdifferenzierten Kriterienkatalog.

Wichtig ist hier vor allem die konkrete Umsetzung der EU-Umweltziele. Unternehmen sind dazu aufgefordert, mit ihren Wirtschaftstätigkeiten zur direkten Erfüllung der Umweltziele beizutragen oder dabei zu unterstützen, mindestens eins der Ziele zu erreichen. Keines der anderen Umweltziele darf dabei beeinträchtigt werden. Den genauen technischen Bewertungskriterien entsprechend, gilt es soziale Mindeststandards zu erfüllen. So sollen die wirtschaftlichen Aktivitäten in den verschiedenen Industriesektoren zu einer regenerativen Wirtschaft beitragen.

Die 6 Klima- und Umweltziele der EU

1. Aktiver Klimaschutz

2. Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen

3. Vermeidung von Umweltverschmutzung

4. Anpassung an den Klimawandel

5. Übergang zu einer zirkulären Wirtschaft

6. Schutz und Wiederherstellung von Ökosystemen und Biodiversität

Transparenz und vergleichbare Daten schaffen

Vorerst sind Unternehmen mit mehr als 500 Arbeitnehmer:innen dazu verpflichtet, Angaben über die Klimakompatibilität der eigenen Unternehmenstätigkeiten transparent offenzulegen. Die detaillierten Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen, in denen die Fortschritte eingeleiteter Maßnahmen kommuniziert werden, schaffen Transparenz und ermöglichen vergleichbare Daten. Zukünftig wird das Regelwerk schrittweise ausgeweitet und soll bald auch auf Klein- und Mittelständische Unternehmen anwendbar sein.

Wie können sich Unternehmen auf die neuen Anforderungen vorbereiten?

Die bevorstehenden gesetzlichen Änderungen erhöhen den Druck auf Unternehmen. Ihnen stellt sich nun die Frage, wie sie sich auf die neuen Richtlinien und Herausforderungen vorbereiten können. Die folgenden Schritte zeigen, wie Unternehmen jetzt die Chance ergreifen und im Einklang mit den EU-Umweltzielen die eigene Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit sichern können.

1. Umfassende Analyse der unternehmenseigenen Klimaauswirkungen

Im ersten Schritt sollte ein Unternehmen die eigenen Klimaauswirkungen messen und verstehen, wo sich dessen wirtschaftliche Aktivitäten in Bezug auf die EU-Klimaziele einordnen lassen. Die eigene Klimaperformance zu verstehen und eine umfangreiche Analyse im Hinblick auf die Vorgaben der EU-Taxonomie sind Voraussetzungen dafür, konkrete Maßnahmen zu entwickeln.

2. Geschäftsentscheidungen durch konkrete Maßnahmen schon jetzt auf EU-Taxonomie-Standards ausrichten

Auf Basis der Status-Quo-Analyse können Unternehmen individuell ihre spezifischen Handlungsfelder und größten Potenziale erkennen und in konkrete Maßnahmen überführen. Wer schon jetzt beginnt, die Kriterien der EU-Taxonomie in den Unternehmensentscheidungen zu berücksichtigen, wird auch zukünftig für die bevorstehenden Berichtspflichten und Datenanforderungen besser aufgestellt sein.

3. Die EU-Taxonomie als Chance wahrnehmen!

Da Investor:innen sich schon jetzt immer häufiger in Richtung klimakompatible Investments und nachhaltige Unternehmensaktivitäten orientieren, ist es für Konzerne branchenübergreifend wichtig, Nachhaltigkeit und Klimakompatibilität grundlegend in die Unternehmensstruktur zu etablieren.

Hierbei unterstützt THE CLIMATE CHOICE mit dem CLIMATE Readiness Check. Um Unternehmen den Einstieg ins klimaneutrale Wirtschaften zu erleichtern, bietet der CLIMATE Readiness Check die Möglichkeit, die eigenen Geschäftstätigkeiten auf ihre Klimawirkungen zu überprüfen. Dabei werden entlang international anerkannten Standards, wie GRI, DNK und TCFD klimarelevante Daten erfasst, um im nächsten Schritt Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Wir sehen, die Klimatransformation der Wirtschaft ist in vollem Gange. Politische Regulationen fordern jetzt konkretes Handeln.


Autorin: Lara Obst ist Gründerin und Chief Climate Officer von THE CLIMATE CHOICE. Sie glaubt daran, dass die Klimatransformation die größte Chance unserer Zeit darstellt. Gemeinsam mit Yasha Tarani und Dr. Rey Farhan gründete Lara daher ihr Climate Tech Startup mit Sitz in Berlin mitten im Coronajahr 2020, um Unternehmen dabei zu unterstützen Emissionen zu reduzieren. Laras Mission entstand, als sie 2014 bei Prof. Dr. Ottmar Edenhofer den IPCC Report studierte und erkannt, dass die Wirtschaft den Hebel zur CO2-Reduktion darstellt. Seitdem entwickelte sie in ihrer mit dem europäischen Philipp De Wood Preis für CSR-Forschung ausgezeichneten Masterarbeit ein ‚Sustainability Indicator Modell‘ zur Erfassung der Nachhaltigkeitswirkung von Unternehmen, gründete 2016 das modulare Kleinwindanlagen-Start-up MOWEA mit und baute 2017 als DACH Accelerator Managerin bei Europas größter Cleantech Initiative Climate-KIC den Corporate Accelerator auf.

Foto: © NOAA ETHZ

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