Neue Lösungen für eine neue Welt

Stuttgart Klimawandel

14.08.22 – Der Schutz des Klimas ist die größte Herausforderung unserer Zeit – technisch, gesellschaftlich und ökonomisch. Für schnellen Klimaschutz brauchen wir interdisziplinäre und neuartige Lösungen. Das sind Lösungen ganz anderer Qualität, als wir sie gewohnt sind.

Der Klimawandel stellt uns vor Aufgaben, für die es keinen vorgefertigten oder bekannten Ansatz gibt. Das ist vor allem deswegen spannend, weil wir uns im Umfeld des Infrastrukturmanagements bewegen, also in einem Bereich, der sich – mit guten Gründen – bisher durch hohe Sicherheitsorientierung und Fehlervermeidung sowie Kosteneffizienz und lange Planungszeiträume ausgezeichnet hat.

Die Energiewirtschaft hat bereits eine große Transformation durchlebt, die in anderen Branchen – etwa der Automobilwirtschaft, der Baubranche oder dem Ernährungssystem – erst jetzt so richtig beginnt. Viele Unternehmen treffen gerade richtungsweisende Entscheidungen in sich stark verändernden Märkten und nutzen dafür agile, adaptive und kollaborative Herangehensweisen.

Heute sind Führungskräfte gefragt, die insbesondere in den Bereichen Change Management, Turnaround Management und in disruptiven Märkten überlegt agieren. Wir benötigen „eine komplett andere Gangart“, so hat es der ThinkTank Agora Energiewende in Worte gefasst – und zwar auch auf kommunaler Ebene.

Das 200 Millionen Euro starke Klima-Aktionsprogramm

Es war ein starkes Signal, als der Stuttgarter Gemeinderat im Dezember 2019 ein Klima-Aktionsprogramm mit einem Volumen von 200 Millionen Euro beschloss. Das Aktionsprogramm erstreckt sich breit über die Stadtverwaltung hinweg und auch die städtischen Beteiligungen – beispielsweise die Stadtwerke Stuttgart, der Flughafen und die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft – sind berücksichtigt. Die über 50 Bausteine zeigen, dass effektiver Klimaschutz nur als gemeinschaftlicher Kraftakt gelingen kann.

Die größten Treibhausgaseinsparungen müssen bis 2030 aus der Energieerzeugung und Energieeffizienz kommen, sonst können wir nationale und europäische Klimaziele nicht erreichen. Darum betreffen weit über 100 Millionen Euro klassische Energiethemen wie Strom, Wärme und Gebäudeeffizienz. In urbanen Regionen wird Photovoltaik den mit Abstand größten Beitrag leisten, die fossilen Anteile im heutigen Strommix zu ersetzen und gleichzeitig den weiter wachsenden Strombedarf mit erneuerbaren Energien zu bedienen. 31 Millionen Euro stecken wir in den beschleunigten Ausbau von Solarenergie. 14 Millionen Euro sollen dem vernetzten und intelligenten Verkehr zugutekommen, darunter auch der Radverkehr sowie Carsharing und Elektromobilität.

Klimaschutz über Energie- und Verkehrswende hinaus

Was viele nicht wissen: Unsere Ernährung verursacht mehr CO2 als unsere Heizung. Dazu ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns einmal vor, die Nutzung fossiler Energiequellen würde sofort beendet – Knips, ausgeschaltet. Trotzdem würden allein die aktuellen Trends im Agrar- und Ernährungssystem eine Erreichung des 1,5° Celsius-Ziels verhindern und sogar das 2° Celsius-Ziel in Gefahr bringen, so aktuelle Forschungsergebnisse. Diesen Bereich werden wir in der Weiterentwicklung des Klima-Aktionsprogramms stärken.

Die Stabsstelle Klimaschutz im Geschäftskreis des Oberbürgermeisters, die ich leiten darf, koordiniert das Aktionsprogramm. Wir verantworten auch die Klima-Kommunikation, die wir im Umfeld der Themen Transformation, zukunftsfähiges Wirtschaften und Innovationen positionieren. Dazu passt gut, dass wir auch für das Management des Stuttgarter Klima-Innovationsfonds verantwortlich sind.

Der Stuttgarter Klima-Innovationsfonds: 10 Millionen Euro stark

Der Stuttgarter Klima-Innovationsfonds hat ein Budget von 10 Millionen Euro und ist damit der europaweit größte kommunale Innovationsfonds für das Klima. Mit dem Innovationsfonds unterstützen wir Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch Vereine und Initiativen bei innovativen Klimaschutzprojekten. Dabei geht es nicht nur um technische Lösungen, sondern auch um neue Kollaborationen und neue Geschäftsmodelle. Wir möchten innovative Projekte auf ein neues Level heben.

Der Stuttgarter Klima-Innovationsfonds hat die erste Bewerbungsphase erfolgreich abgeschlossen. Die Landeshauptstadt Stuttgart hat aus 39 Projektanträgen zehn innovative Ideen zur Förderung ausgewählt. Innovative Mobilitätslösungen sind das Thema von einem Drittel der Projektvorschläge, gefolgt von den Themenbereichen Strom sowie Gebäudeenergie und der Anpassung an den Klimawandel.

Städte viel stärker von Hitzestress betroffen

Für die Anpassung an den Klimawandel möchten wir eine eigene Förderlinie des Stuttgarter Klima-Innovationsfonds aufsetzen. Im Vergleich zum Umland ist die Luft in Städten bereits jetzt durchschnittlich ein bis drei Grad wärmer. Städte bilden nämlich so genannte Wärmeinseln. Deshalb wirkt sich die Erderwärmung auf Städte viel stärker aus. Im Vergleich zur weltweiten Erderwärmung sind Städte erheblich anfälliger und sehen sich stärker mit den negativen Folgen der Erderwärmung konfrontiert. Wichtig sind daher auch in diesem Feld innovative Strategien, mit denen wir richtig Vorsorge betreiben können.

Innovative Klima-Kommunikation

Auch in der Klima-Kommunikation geht Stuttgart neue Wege. Die Klima-Kommunikation richtet sich in Deutschland häufig an diejenigen Gruppen, die ohnehin erreicht werden: die Umwelt- und Klimainteressierten. Der Klimaschutz ist aber längst kein reines Umweltthema mehr. Er betrifft uns alle in unseren täglichen Entscheidungen. Darum müssen Kommunen neue Wege finden, um die gesamte Bevölkerung und vor allem Personen mit Immobilienbesitz zu adressieren. Nur so kann es gelingen, wirksame Maßnahmen in der Breite umzusetzen. Eine Projektskizze der Landeshauptstadt Stuttgart war jüngst im Wettbewerb um europäische Fördermittel erfolgreich: Nun werden rund 400.000 Euro Förderung verfügbar, um unsere innovative Klima-Kommunikation zu stärken.

Fit werden für die neue Welt

Doch warum machen wir das eigentlich alles? Blicken wir auf beispielhafte Klimaschutz-Maßnahmen: In sanierten Gebäuden lebt es sich besser. Effiziente Wärmenetze bieten Versorgungssicherheit und Komfort. Moderne urbane Mobilität ist leiser und sorgt für weniger Luftbelastung. Bewusste Ernährung ist gesund und schützt vor Krankheiten. Innovationen stärken die Wirtschaft. Urbane Gärten dienen als Oasen der Erholung. Schattige Plätze und Zisternen sorgen für Verdunstung und Abkühlung. Noch weiter gedacht: Ein Überfluss aus erneuerbarer Energie bereitet die Grundlage für neue Wertschöpfung. Superpower – günstiger überschüssiger Strom aus erneuerbaren Quellen – eröffnet vollkommen neue Geschäftsfelder. Unternehmen entwickeln Waren und Dienstleistungen für die neuen Bedürfnisse und produzieren sie klimaneutral. Es entsteht eine neue Baukultur der Moderne, die nicht mehr aus verklebten Verbundmaterialien, sondern auf Holz und nachwachsenden Rohstoffen basiert. Gebäude werden sortenrein, modulartig und wandelbar errichtet. Sie können repariert, rückgebaut und erweitert werden und sich flexibel auf neue Funktionen ausrichten. Das ist eine neue Welt, die wir erreichen wollen. Noch stehen wir vor großen Herausforderungen: Wir alle müssen fit werden für die neue Welt. Dafür brauchen wir Aufbruchsstimmung und Gründungsgeist in den Unternehmen und einen Wettbewerb um die besten Ideen. Packen wir es gemeinsam an.


Autor: Jan Kohlmeyer leitet die Stabsstelle Klimaschutz der Landeshauptstadt Stuttgart. Die Stabsstelle koordiniert das 200 Millionen Euro starke Klima-Aktionsprogramm der Stadt Stuttgart und den 10 Millionen Euro starken Stuttgarter Klima-Innovationsfonds. Auch die Steuerung der Klima-Kommunikation liegt in den Händen der Stabsstelle Klimaschutz. Vorher war der Diplom-Physiker Jan Kohlmeyer sieben Jahre lang Mitglied der Geschäftsleitung der Stadtwerke Böblingen. Bereits fünf von ihm initiierte Projekte (Wärme, Quartier, Mobilität, Gebäude und Innovation) wurden vom Umweltministerium Baden-Württemberg ausgezeichnet bzw. von der Bundesregierung im Programm „Innovationen für die Energiewende“ gefördert. Zuvor hat er die Stadtwerke Pulheim in den Markt geführt, für die er mit 29 Jahren die Geschäftsführung übernommen hat.

Foto: © NOAA ETHZ

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